100. Jahrgang Heft 5 (Oktober) 2017

Inhalt

Artikel

Falscher Weg zum richtigen Ziel?
Rechtsdogmatische und therapeutische Überlegungen zu Verhältnismäßigkeitserledigungen im Maßregelvollzug als Folge der Reform des Unterbringungsrechts

von Alexander Baur und Jan Querengässer

Zusammenfassung
Das begrüßenswerte Ziel der zum 1. August 2016 in Kraft getretenen Reform des Unterbringungsrechts war es, dem Trend steigender Unterbringungszahlen und zunehmender Vollzugsdauern bei Unterbringungen nach § 63 StGB entgegenzuwirken. Die Reform war auf den ersten Blick erfolgreich, führt sie doch in der Praxis in einigen Regionen Deutschlands zu mehr Entlassungen – auch langjährig Untergebrachter – aus dem Vollzug des § 63 StGB. Grund für die zusätzlichen Entlassungen sind überwiegend Verhältnismäßigkeitserwägungen und damit Erledigungsentscheidungen (§ 67d Abs. 6 StGB). Mit Fällen der Maßregelerledigung war der Vollzug des § 63 StGB bislang kaum konfrontiert, weil nach alter Rechtslage einer Bewährungsaussetzung (§ 67d Abs. 2 Satz 1 StGB) der Vorzug gegeben oder andernfalls von der Entlassung abgesehen werden konnte. Der Beitrag setzt sich aus rechtlicher sowie therapeutischer Sicht mit den Folgen der Reform des Unterbringungsrechts auseinander. Er vereint dabei die normativ-juristische und die klinisch-therapeutische Perspektive auf ein Problemfeld, dessen Komplexität nur eine interdisziplinäre Annäherung gerecht werden kann.

Schlüsselwörter: Maßregelvollzug, psychiatrisches Krankenhaus, Verhältnismäßigkeitserledigung, Unterbringung, Führungsaufsicht

S. 313-327

* * *

Polizeiliche Entscheidungsspielräume als Einfallstor für Diskriminierung
Zum Bewertungswandel polizeilicher Definitionsmacht innerhalb der polizeiwissenschaftlichen Forschung

von Andreas Ruch

Zusammenfassung
Der Beitrag analysiert den Bewertungswandel polizeilicher Entscheidungsspielräume innerhalb der polizeiwissenschaftlichen Forschung und legt dar, dass die in der frühen, am Labeling Approach orientierten Polizeiforschung verbreitete negative Konnotation einer neutralen bis positiven Bewertung gewichen ist. Hieran anknüpfend wird argumentiert, dass dieser Bewertungswandel mit dem durch raumbezogene Kriminalitätstheorien und proaktive Kriminalstrategien vermittelten Bild einer ordnungsstiftenden und gemeinwohlorientierten Polizei zusammenhängt. Durch diese Entwicklung gerät allerdings aus dem Blick, dass diskriminierende Ermittlungs- und Kontrollpraktiken auch auf die Ausweitung und Anwendung gesetzmäßiger und faktischer Ermessens- und Beurteilungsspielräume zurückzuführen sind. Vorgeschlagen wird daher, die polizeiliche Definitionsmacht und ihren Einfluss auf das Ergebnis polizeilicher Handlungspraktiken erneut stärker in den Blick zu nehmen.

Schlüsselwörter: Polizeiliche Definitionsmacht, polizeiliche Subkultur, Entgrenzung der Gefahrenabwehr, Diskriminierung                                                    

S. 328-343

* * *

Friedensschaffung durch Entflechtung von Herrschaftsordnung und organisierter Kriminalität?
Ein Deutungsversuch des kolumbianischen Friedensprozesses unter Anwendung des Konzepts der krimilegalen Aushandlung

von Markus Schultze-Kraft

Zusammenfassung
Der kolumbianische Friedensprozess gilt heutzutage in der Weltöffentlichkeit weithin als Vorzeigebeispiel für die politische Beilegung eines langwierigen innerstaatlichen Gewaltkonflikts, der vor mehr als einem halben Jahrhundert seinen Anfang nahm und in dem sich seit Beginn der 1980er Jahre politisch-ideologische Triebkräfte und massive kriminelle Interessen, sowohl auf Seiten der Aufständischen als auch des Staates immer enger miteinander verflochten hatten. Der vorliegende Aufsatz erörtert die These, dass die in Kuba geführten Verhandlungen zwischen der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) nicht allein als ein herkömmlicher, auf die Beendigung des bewaffneten Konflikts abzielender Friedensprozess, sondern auch als Beispiel einer besonderen Art der Aushandlung, nämlich die der »krimilegalen Aushandlung« zu sehen sind. Dieser Ansatz gründet auf vorherigen Untersuchungen des Autors zu krimilegaler Herrschaftsordnung und krimilegaler Governance, die hier in Grundzügen referiert werden. Der Aufsatz eröffnet somit tiefere Einblicke in den kolumbianischen Friedensprozess und die mit der nun einsetzenden Friedenskonsolidierung verbundenen großen Herausforderungen für das Land.

Schlüsselwörter: Organisierte Kriminalität, Friedensschaffung, krimilegale Aushandlung, Herrschaftsordnung, Kolumbien

S. 344-359

___________________________________________________________________

Forum

Kriminologie im Zwielicht

von Karl-Ludwig Kunz

Zusammenfassung
Diese Zustandsbestimmung der Kriminologie versteht das Fach als Forschungsrichtung von allgemeinem Interesse, die zentrale Aspekte des Menschseins berührt. Die Wahrnehmung der Alltagswahrnehmung von Kriminalität verdoppelt bewertende Urteile, welche bereits den verschiedenen Alltagswahrnehmungen von Kriminalität zugrunde liegen. Entsprechend disparat sind Methoden und Erkenntnisse. Die Komplexität und Widersprüchlichkeit des kriminologischen Wissensbestandes entspricht der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Gesellschaft selbst. Als im Grunde überflüssige Zutat zu den Ausbildungsgängen von Strafjuristen, Polizisten und Sozialarbeitern wird die Kriminologie zu einer beliebig verfügbaren und verschiebbaren Größe. In zwei disparate Schulrichtungen getrennt, zerschleißt sich das Fach in Richtungskämpfe und wird als selbstwidersprüchlich wahrgenommen. Zerfallsprozesse und Orientierungsunsicherheiten in der globalisierten Gesellschaft rahmen das Studienfeld in einen politischen Kontext. Dies gibt Anlass zu einer Neuorientierung an der Wertigkeit des öffentlichen Dialoges über das Thema einer Wissenschaft, die alle berührt.

Schlüsselwörter: Meta-Diskurs zum Fachverständnis, verdoppelnde Bewertung von Bewertungen, Schulrichtungen, politische Rahmung von Kriminalität, Wissenschaft in sozialer Interaktion

S. 360-371

* * *

Zur Rolle der Kriminologie
Ein Statement

von Stephan Quensel

S. 372-375

___________________________________________________________________

Berichte

53. Kolloquium der Südwestdeutschen und Schweizerischen Kriminologischen Institute und Lehrstühle

von Jakob Bach und Kira-Sophie Gauder

S. 376-392

* * *

Basic Trend of Global Terrorism and Countermeasures
Das 8. Internationale Forum zum Thema Kriminalität und Strafrecht im Zeitalter der Globalisierung

von Olga Siegmunt, Alexei Kibalnik und Vladimir Komissarov

S. 393-396

___________________________________________________________________

Mitteilungen

Kriminologie des Visuellen – Ordnungen des Sehens und der Sichtbarkeit im Kontext von Kriminalitätskontrolle und Sicherheitspolitiken
Workshop, 22. bis 23. März 2018 in Bielefeld

Sicherheit um jeden Preis
Tagung des Jungen Forums Rechtsphilosophie, 19. bis 21. April 2018 in Göttingen

Terrorismus – Erscheinungsformen, Prävention, Strafverfolgung, Opferschutz
Konferenz der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH), 26. bis 27. April 2018 bei Bautzen

Die Stärke der Beteiligten – Selbstbestimmung statt Bedürftigkeit 17. TOA-Forum, Call for Papers
Tagung, 7. bis 9. November 2018 in Berlin

S. 397

_______________________________________________________________________________

Buchbesprechungen

Garland, David

The Welfare State
A Very Short Introduction

Oxford University Press 2016, XVI, 153 Seiten

von Stephan Quensel, Grönwohld

S. 398

* * *

Wollinger, Gina Rosa/Jukschat, Nadine

Reisende und zugereiste Täter des Wohnungseinbruchs - Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie mit verurteilten Tätern
KFN Forschungsberichte Nr. 133, KFN Hannover 2017

von Alexander Vollbach, Bremen

S. 399-401

_______

Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Redaktion

Einsendungen, die sich auf den Inhalt dieser Homepage bzw. auf die Zeitschrift selbst beziehen, werden erbeten an:

Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
Günterstalstr. 73
79100 Freiburg i.Br.

Telefon: +49 (0) 761-7081-0

Feedback

Anregungen oder Kritik senden Sie bitte per:

> E-Mail an die Redaktion