99. Jahrgang Heft 2 (April) 2016

Inhalt

Artikel

Predictive Policing

von Bernd Belina

Zusammenfassung
Die Vorhersage von Kriminalität in Raum und Zeit im Predictive Policing stellt eine methoden- und technologiegetriebene Innovation dar, die in kriminologischer Theorie und Kriminalpolitik die Sozialphysik des 19. Jahrhunderts für den aktuellen Kontext von Big Data aktualisiert. Auf Basis einer Analyse der kriminologischen Denkweise in aktuellen Forschungspublikationen zu Crime Predictions aus dem angloamerikanischen Raum, die die Grundlage des Predictive Policing bilden, wird gezeigt, wie damit eine dreifache Abstraktion von gesellschaftlichen Strukturen, Subjektivierungen und politischen Strategien vollzogen wird.

Schlüsselwörter: Predictive Policing, Sozialphysik, Hot Spot, Risk Terrain, Biopolitik

S. 85-100

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Delinquenzabbruch
Hauptaspekte des gegenwärtigen Forschungsstandes

von Klaus Boers und Anna Mareike Herlth

Zusammenfassung
Die Annahme, dass die meisten Intensivtäter bis ins hohe Erwachsenenalter hinein aktiv bleiben, prägte in den 1980er und 1990er Jahren erneut die kriminologische Verlaufsforschung. Jedoch leiteten die 1993 von Laub und Sampson veröffentlichten Reanalysen der Gluecks-Daten, nach denen auch die meisten persistenten Delinquenzverläufe ab dem frühen Erwachsenenalter abgebrochen wurden, einen Paradigmenwechsel ein. Seitdem entwickelte sich der Delinquenzabbruch zu einem zentralen Bereich der kriminologischen Verlaufsforschung, der auch für die Kriminalpraxis sehr bedeutsam wurde. Denn es ist erfolgversprechender, einen künftigen Delinquenzabbruch zu unterstützen, als Ursachen anzugehen, die in der Regel vor dem Beginn der spätestens im Jugendalter einsetzenden Intensivdelinquenz liegen. Die meist empirisch untermauerte Diskussion um die Bedingungen des Delinquenzabbruchs drehte sich zunächst um den Vorrang entweder struktureller (Partnerbeziehungen, Arbeit) oder subjektiver (Wende zu einem konformen Selbstkonzept) Erklärungen. Sie konzentriert sich aktuell auf Konzeptionen, die diese beiden Aspekte integrieren. Neben solchen ätiologischen Ansätzen werden die einen Delinquenzabbruch eher erschwerenden formellen Kontrollinterventionen erst in neuerer Zeit stärker in den Blick genommen.

Schlüsselwörter: Delinquenzabbruch, strukturelle Ursachen, Selbstkonzept, Theorieintegration, kriminologische Verlaufsforschung

S. 101-122

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Was kostet Jugendkriminalität?
Eine Annäherung

von Christoffer Glaubitz, Frauke Steglich, Malte Koch, Henning Klodt, Thimna Klatt, Barbara Hausmann und Thomas Bliesener

Zusammenfassung
Die vorliegende Studie liefert erstmalig für Deutschland Kostenschätzungen für die vier jugendtypischen Delikte Raub, schwere oder gefährliche Körperverletzung, Diebstahl und Sachbeschädigung. Die Kosten wurden dabei teils durch Integration bestehender Statistiken und teils auf Basis eigener Daten einem Bottom-up-Ansatz folgend berechnet. Die geschätzten Kosten wurden als Kosten pro Delikt im Hellfeld errechnet und eignen sich somit zur Verwendung in der Evaluationspraxis, sofern auf polizeilich registrierte Straftaten als Erfolgsmaß Bezug genommen wird. Die Berechnung der Kosten erfolgte getrennt für die Kostenblöcke Kriminalitätsvermeidung, Gesundheitsdienstleistungen und Opferentschädigung, Produktivitätsausfall, Sachschaden, polizeiliche Ermittlungskosten, Kosten im Strafverfahren und Sanktionskosten. Im Kontext einer Evaluation kriminalpräventiver Programme wird somit den Durchführenden die Möglichkeit an die Hand gegeben, einzelne Kostenblöcke auszuklammern oder aber auch zu modifizieren. Für einen Raub im Hellfeld belaufen sich die ermittelten Kosten auf 7.558 €, für eine schwere oder gefährliche Körperverletzung auf 4.781 €, für einen Diebstahl auf 1.781 € und für eine Sachbeschädigung auf 1.093 €.

Schlüsselwörter: Jugendkriminalität, Kriminalitätskosten, Kosten-Nutzen-Analyse, Evaluation, Kriminalprävention

S. 123-139

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Strafzumessung bei schwerer Kriminalität in China
Eine Urteilsanalyse bei ausgewählten Raubdelikten

von Volker Grundies und Shuhong Zhao

Zusammenfassung
Die Sanktionspraxis der mittleren Gerichtsbarkeit in China wird am Beispiel des (schweren) Raubs analysiert. Dabei wird eine hohe Konsistenz zwischen der Dauer der verhängten Freiheitsstrafe und den jeweils im Urteil erwähnten Tatumständen festgestellt (R2 ~ .8). Gleiches gilt für die Wahl des Strafrahmens, wobei allerdings bei sehr schweren Fällen anhand der Tatumstände nur schlecht die Wahl zwischen den Alternativen 10- bis 15-jährige Freiheitsstrafe, lebenslange Freiheitsstrafe und Todesstrafe prognostiziert werden kann. Weiter wurden deutliche regionale Unterschiede in der Sanktionshärte gefunden.

Schlüsselwörter: Sanktionierung, Raub, China

S. 140-157 

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Bericht

Tatort Gefängnis
Gewaltviktimisierung im Justizvollzug, Bewältigung und Prävention in Theorie und Praxis

von Alexander Vollbach 

Zusammenfassung
Der Beitrag erörtert aktuelle Befunde aus Forschung und Praxis zu (berufs-)typischen Gefährdungen sowie zur Bewältigung von Opfererfahrung im Polizei- und Justizvollzugsdienst. Es werden Risikofaktoren, diesbezügliche Wechselwirkungen auf allen Ebenen sowie eine (dys-)funktionale Organisationskultur und Führungsverantwortung thematisiert, die im Rahmen einer Fachveranstaltung in der JVA Bremen erörtert wurden. Es wird weitere Praxisforschung benötigt, um das Thema in seiner Gesamtheit zu verstehen und dadurch erklären zu können.  

Schlüsselwörter:  Gewalt und Viktimisierungserfahrungen im Polizei- und Justizvollzugsdienst, Anstaltsklima, Führungshandeln, gesundheitsbezogenes Risikomanagement 

S. 158-166 

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Mitteilungen 

Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung
22.-23. Juli 2016, Freie Universität Berlin 

Desistance from Sexual Offending – About Treatment and Other Effective Approaches
IATSO Conference, 7-10 September 2016 in Copenhagen, Denmark 

Together InForming Justice
23rd International Symposium on the Forensic Sciences of The Australian and New Zealand Forensic Science Society, 18-23 September 2016 in Auckland, New Zealand 

Annual conference of the European Society for Social Drug Research (ESSD)
22-24 September 2016 in Frankfurt, Germany 

Crime and Crime Control – Structures, Developments and Actors
16th Annual Conference of the European Society of Criminology, 21-24 September 2016 in Münster, Germany 

Geschlossene Gesellschaften
38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 26.-30. September 2016, Universität Hamburg 

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Buchbesprechungen 

Ostendorf, Heribert

Jugendstrafrecht 

8. völlig überarbeitete Aufl., Nomos, Baden-Baden 2015, 332 Seiten 

von Theresia Höynck, Kassel 

 S. 168 

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Scull, Andrew 

Madness in Civilization 

A Cultural History of Insanity from the Bible to Freud, from the Madhouse to Modern Medicine 

Thames & Hudson 2015, 448 Seiten 

von Stephan Quensel, Grönwohld 

S. 169-170

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Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

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Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
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