100. Jahrgang Heft 6 (Dezember) 2017

Inhalt

Artikel

Abschreckung und Peerdelinquenz
Interaktive Beziehungsdynamiken am Beispiel der Ladendiebstahlsdelinquenz junger Menschen

von Helmut Hirtenlehner und Johann Bacher

Zusammenfassung
Der vorliegende Artikel beleuchtet das Zusammenwirken von delinquenter Peerexposition und Abschreckungswahrnehmungen bei der Steuerung des Ladendiebstahlshandelns junger Menschen. Zwei konkurrierende Hypothesen werden untersucht. Aus der Situational Action Theory wird die Annahme abgeleitet, dass Jugendliche mit vielen delinquenten Freunden eher durch Sanktionsrisikoeinschätzungen beeinflussbar sind als solche ohne kriminelle Kontakte. Begründet wird dies damit, dass Jugendliche mit zahlreichen delinquenten Peers sich häufiger in kriminalitätsbegünstigenden moralischen Settings bewegen, was sie Kriminalität häufiger als echte Handlungsalternative wahrnehmen lässt. Letzteres bringt Kontrollen als verhaltenssteuernde Kräfte erst ins Spiel. Aus der Rational-Choice-Theorie lässt sich die Vermutung folgern, dass Jugendliche mit wenigen oder keinen delinquenten Freunden stärker auf perzipierte Sanktionierungsrisiken ansprechen als solche mit umfangreichen kriminellen Kontakten. Dahinter steht die Überlegung, dass Jugendliche mit vorwiegend prosozialen Gleichaltrigenbeziehungen im Gefolge einer förmlichen Bestrafung mehr soziale Nebenkosten zu befürchten haben. Die Befunde einer österreichischen Dunkelfeldbefragung zur Ladendiebstahlsdelinquenz junger Menschen stützen das mit der Situational Action Theory kompatible Wechselwirkungsgefüge. Das Ausmaß delinquenter Peerexposition bestimmt die Größe des beobachtbaren Sanktionsrisikoeffektes. Die Sanktionsrisikoeinschätzung erlangt ihre größte Erklärungskraft für das Ladendiebstahlshandeln junger Menschen, wenn eine gesteigerte Einbindung in diebstahlsaffine Freundeskreise vorliegt.

Schlüsselwörter: Abschreckung, delinquente Peers, Ladendiebstahl

S. 404-429

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Unternehmenskriminalität und (Selbst-)Regulierung
Zum Bewertungswandel polizeilicher Definitionsmacht innerhalb der polizeiwissenschaftlichen Forschung

von Ralf Kölbel

Zusammenfassung
Zu den wesentlichen Entwicklungen bei der Unternehmensregulierung zählt zweifelsohne die Herausbildung von Compliance-Management-Systemen (CMS). Deren Verbreitung war und ist von zuversichtlichen Erwartungen an eine deliktspräventive Wirkung begleitet. Ob und inwieweit diese Annahmen begründet sind, gilt kriminologisch als ungeklärt. Die sehr unterschiedlichen Einschätzungen hängen von den Vorannahmen zu organisationaler Devianz und zur rechtlichen Beeinflussbarkeit von Unternehmen ab. Der Beitrag rekonstruiert diese kriminologische Debatte und deren theoretische Hintergründe. Ferner wird die empirische Forschung, die sich mit der präventiven Wirksamkeit von CMS befasst, diskutiert und kritisch in Frage gestellt. Insgesamt spricht derzeit vieles für einen skeptischen Blick auf die konformitätserhöhende Leistungsfähigkeit von CMS.

Schlüsselwörter: Unternehmenskriminalität, Regulierung, Compliance-Management-Systeme, Prävention, Evaluationsmethoden                                                    

S. 430-452

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Die soziale Reintegration Straffälliger vor dem Hintergrund ihrer sozialen Beziehungen

von Peter Rieker

Zusammenfassung
Für die soziale Reintegration Straffälliger gelten die Einbindung in soziale Beziehungen und die in ihrem Rahmen gewährte Unterstützung als wichtig. Vor diesem Hintergrund befasst sich der vorliegende Beitrag mit dem Stellenwert verschiedener sozialer Beziehungen für Reintegrationsprozesse, wobei sowohl informelle Beziehungen als auch professionelle Hilfebeziehungen berücksichtigt und in ihren spezifischen Qualitäten bestimmt wer-den. Dafür wird sich auf die Daten einer qualitativen Längsschnittuntersuchung bezogen, die bisher auf zwei Interview-Erhebungswellen zurückgreifen kann, in denen 40 männliche Straftäter zu ihren Reintegrationsprozessen befragt werden konnten. Zunächst wird ein Überblick zu den Ausprägungen sozialer Beziehungen und Zusammenhängen zu sozialer Reintegration bezogen auf die gesamte Untersuchungsgruppe gegeben. Auf dieser Grundlage werden vier Fallanalysen vorgestellt, die unterschiedliche Beziehungskonstellationen und -qualitäten detailliert in den Blick nehmen und im Hinblick auf ihre Bedeutung für Prozesse der Reintegration untersuchen.

Schlüsselwörter: Straffälligkeit, Reintegration, soziale Beziehungen

S. 453-472

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Forum

Intimpartnergewalt gegen Frauen in Trennungssituationen

von Maria Isabel Fontao und Thomas Ross

Zusammenfassung
Intimpartnergewalt kommt häufig im Kontext von Trennungen vor. Von vielen Betroffenen wird die Trennung als unmittelbarer Auslöser der Gewalt thematisiert, im Kanon der Risikofaktoren für das Auftreten von Intimpartnergewalt stellen Trennungen im engeren Sinne aber nur eines von vielen Risiken dar. In diesem Beitrag wird das Verhältnis von Trennung und Intimpartnergewalt beleuchtet. Im ersten Teil werden nationale und internationale Befunde zum Themenkomplex Intimpartnergewalt und Trennung dargestellt. Im zweiten Teil werden die Faktoren aufgeführt, die mit der Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt in Trennungssituationen eskaliert bzw. während des Trennungsprozesses erstmals in Erscheinung tritt, in Beziehung stehen: Lebensalter und familiärer Status der Opfer, Zahl erlebter Trennungen, Migrationserfahrung, Gewaltandrohung im unmittelbaren Kontext der Trennung, Dauer der Beziehung, die verstrichene Zeit nach Vollzug der Trennung und ein hohes Maß an feindseliger Kontrolle durch den Aggressor.

Schlüsselwörter: Intimpartnergewalt, Trennung, Gewalt gegen Frauen

S. 473-482

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Bericht

Vom »hochgemuten, voreiligen Griff nach der Wahrheit«
Genese, Korrektur und Prävention von Fehlurteilen im Strafprozess
6. Bielefelder Verfahrenstage

von Johannes Brückmann, Oliver Nißing, Janita Sommer und Dave van Toor

S. 483-488

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Mitteilungen

Terrorismusbekämpfung in Europa im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit – historische Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen
11. bis 13. Juli 2018 in Berlin

Haftvermeidung und Haftverkürzung
Tagung der Verbände der Straffälligenhilfe in Baden und Württemberg, 23. bis 24. Juli 2018 in Bad Boll

Crimes Against Humans and Crimes Against Humanity – Implications for Modern Criminology
The 18th Annual Conference of the European Society of Criminology, 29 August to 1 September 2018 in Sarajevo, Bosnia and Herzegovina

Between Edges and Margins – Innovative Methods in the Study of Deviance
Conference, 13-14 September 2018 in Ghent, Belgium

Abschaffung des Rechts?
Vierter Kongress der deutschsprachigen Rechtssoziologie-Vereinigungen, 13. bis 15. September 2018 in Basel, Schweiz

Radikalisierung und Gefängnis
Tagung der Vertretung des Landes Bremen in Berlin, 12. bis 14. September 2018 in Berlin

Surveillance Studies Publikationspreis 2019 – Ausschreibung
Termin für Einsendungen: 15. September 2018

S. 489

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Buchbesprechungen

Carlen, Pat/França, Leandro Ayres (eds.)

Alternative Criminologies
A Very Short Introduction

Routledge, Abingdon 2018, XXII, 491 Seiten

von Stephan Quensel, Grönwohld

S. 490-494

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Schlepper, Christina/Wehrheim, Jan (Hrsg.)

Schlüsselwerke der Kritischen Kriminologie

Beltz Juventa, Weinheim, Basel 2017, 308 Seiten

von Joachim Häfele, Hamburg

S. 494-497

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Rau, Matthias

Lebenslinien und Netzwerke junger Migranten nach Jugendstrafe
Ein Beitrag zur Desistance-Forschung in Deutschland

Reihe Kriminalwissenschaftliche Schriften, Band 52
LIT Verlag, Berlin u.a. 2017, 554 Seiten

von Alexander Vollbach, Bremen

S. 497-500

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Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

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Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
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