Schwerpunktheft

Neurowissenschaften und Kriminologie

[Artikel teils in deutscher, teils in englischer Sprache]

Inhalt

Editorial

von Friedrich Lösel und Helmut Remschmidt

Methodische Fortschritte in den Neurowissenschaften haben zu einem vertieften Verständnis der Funktion des Gehirns und, damit zusammenhängend, auch der psychischen Vorgänge geführt. Vor zehn Jahren haben führende deutsche Neurowissenschaftler ein »Manifest der Hirnforschung« veröffentlicht, das bis heute Gegenstand vielfältiger Diskussionen in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit geworden ist. Bereits im Jahre 1990 war durch den Präsidenten der USA die »Dekade des Gehirns« ausgerufen worden und im April 2000 schloss sich in Deutschland eine Gruppe von Neurowissenschaftlern zusammen, um nach dem amerikanischen Vorbild die »Dekade des menschlichen Gehirns« (2000 bis 2010) in Gang zu setzen. Im Jahr 2013 wurde von der Europäischen Union das »Human-Brain-Project« mit einer geplanten Laufzeit von zehn Jahren und einem Finanzvolumen von 1,19 Milliarden Euro aufgelegt. Diese Initiativen, die von vielen Neurowissenschaftlern begrüßt, von Vertretern der Geistes- und Sozialwissenschaften aber zum Teil heftig kritisiert wurden, haben zahlreiche Fragen aufgeworfen und Diskussionen angeregt, die sich mit Grundproblemen des Menschseins beschäftigen. 

Innerhalb dieser Diskussionen spielt die Frage der persönlichen Verantwortung für unser Denken und Handeln eine zentrale Rolle. Inwieweit entscheiden wir selbst, was wir tun, oder werden wir von unbewussten Prozessen in unserem Gehirn gesteuert? In welchem Ausmaß sind Umgebungseinflüsse und Lernvorgänge bedeutsam für unsere Handlungen? Oder vereinfacht und zugespitzt: Ist all unser Denken und Handeln determiniert oder können wir frei entscheiden?

Diese Fragen haben Philosophen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen von jeher interessiert, und sie haben Antworten gefunden, die aus dem jeweiligen epochalen Erkenntnisstand und Zeitgeist abgeleitet sind. Können die modernen Neurowissenschaften hier Erkenntnisse liefern, die über das bisher Bekannte hinausgehen? Und wenn ja, sind derartige Erkenntnisse geeignet, die Genese von Kriminalität besser zu verstehen oder gar zu erklären? Sind sie darüber hinaus auch hilfreich für die Beurteilung von Straftätern, wenn es um deren Verantwortlichkeit oder Schuldfähigkeit geht?

Der enorme Aufschwung der Neurobiologie durch die Fortschritte in den Untersuchungsmethoden hat mittlerweile auch die Kriminologie und das Strafrecht erreicht. Während sich Strafrechtler vor allem mit der oben plakativ formulierten Frage des freien Willens auseinandersetzen, ist das kriminologische Interesse an den neurobiologischen Erkenntnissen breiter. Es erstreckt sich auf biologische Faktoren im weitesten Sinne, die ursächlich, moderierend oder modifizierend mit deviantem Verhalten und Kriminalität in Beziehung gesetzt werden können. Dabei geht es zum Beispiel um genetische und epigenetische Einflüsse auf die Entwicklung von Delinquenz, um Zusammenhänge zwischen physiologischen Prozessen und Gewalttätigkeit oder um Hirnfunktionen, die für kriminologisch relevante psychische Störungen bedeutsam sind.

Im aktuell großen Interesse an der Neurobiologie sind sicher auch modische Trends enthalten, die zu einer Überbewertung neurobiologischer Faktoren führen und die bei Vertretern der Sozial- und Geisteswissenschaften zum Teil auf Unverständnis oder gar Opposition stoßen. Derartige Pendelschwingungen hat es in der Wissenschaftsgeschichte aber immer gegeben. So wurden in den 1970er und 1980er Jahren biologische Hypothesen in der Kriminologie kaum zur Kenntnis genommen und deren Vertreter zuweilen stigmatisiert. Diese Vorurteile sind auch heute noch nicht überwunden, wenn mitunter von einem Neo-Lombrosianismus gesprochen wird, oder wenn auf der anderen Seite einem rein soziologischen Erklärungsansatz der Kriminalität das Wort geredet wird. Derartige Polarisierungen führen nicht weiter, zumal hier wie dort die Evidenzbasis oft noch schmal ist.

Grundsätzlich besteht bei den meisten Kriminologen heute kein Zweifel darüber, dass die Ursachen sowohl von Kriminalität als auch von kriminologisch relevanten psychischen Erkrankungen in einem inter- oder zumindest multidisziplinären Ansatz erforscht werden sollten. Innerhalb dessen kann die neurobiologische Perspektive einen bedeutenden Beitrag leisten, auch wenn sich viele ihrer Ergebnisse diesbezüglich noch in einem »Korrelationsstadium« befinden. Die Erforschung neurobiologischer Risiken von Kriminalität bedeutet auch nicht, dass hierin gleichsam die »letztlichen« Ursachen gesehen werden, sondern dass die sozialen, psychischen und biologischen Erklärungsebenen aufeinander bezogen werden. Tatsächlich deuten sich in der Forschung auch oft Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Bereichen an. Einer solchen bio-psycho-sozialen Sichtweise fühlen wir uns verpflichtet, und sie spiegelt sich auch im vorliegenden Themenheft der Monatsschrift für Kriminologie wider.

Der erste Teil beschäftigt sich mit Grundlagen der Kriminologie in ihrem Bezug zum Strafrecht. Er enthält fünf Beiträge, die Erkenntnisse der Neurowissenschaften kritisch reflektieren und auf ihre praktische Anwendbarkeit im Bereich des Strafrechts prüfen. Wolfgang Prinz befasst sich mit den neurobiologischen Erkenntnissen hinsichtlich des Konzepts der Willensfreiheit und deren Implikationen für die soziale Realität des subjektiven Menschenbilds. Der Aufsatz von Andrea Dreßing & Harald Dreßing berichtet neurobiologische bzw. genetische Befunde zu persönlichkeitsgestörten Straftätern und beurteilt deren potentielle Bedeutung für die Strafjustiz. Inwieweit neurobiologische Untersuchungsmethoden bereits jetzt in der forensisch-psychiatrischen Diagnostik von Nutzen sind, wird von Jürgen Müller und Norbert Nedopil kritisch hinterfragt. Reinhard Merkel erörtert bildgebende Verfahren der Hirnforschung und andere biologische Untersuchungsmethoden im Hinblick auf ihre strafrechtliche Relevanz und differenziert je nach Fragestellung und prozessualen Phasen im Justizsystem. Im letzten Beitrag des ersten Teils plädieren Frieder Dünkel & Bernd Geng dafür, Forschungsergebnisse zur Hirnentwicklung für strafrechtliche Reformen bei jungen Erwachsenen zu verwenden. Auch wenn Vollständigkeit nicht erreicht werden konnte und nicht intendiert war, sind in den genannten Aufsätzen beispielhaft Möglichkeiten und Grenzen neurowissenschaftlicher Zugangswege zur Delinquenz überzeugend dargestellt. Besonders hervorzuheben ist, dass die Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen kommen und unterschiedliche Schwerpunkte auf Grundlagen- oder Anwendungsaspekte legen.

Der zweite Teil des Hefts enthält zuerst exemplarisch neurobiologische Forschungen zum dissozialen Verhalten und zur Delinquenz im Kindes- und Jugendalter. Stephane Paquin et al. stellen eine umfangreiche verhaltensgenetische Studie zu verschiedenen Formen der Aggression dar. Richard Tremblay plädiert auf der Basis epigenetischer Befunde überzeugend für eine möglichst früh ansetzende entwicklungsbezogene Prävention. Die Arbeit von Timo Vloet et al. gibt einen differenzierten Überblick über die entwicklungspsychiatrische Forschung zu Aufmerksamkeitsstörungen und geht auch auf Behandlungsansätze ein. Ute Koglin & Friedrich Lösel widmen sich in einer empirischen Studie dem Zusammenhang von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, sozialer Schicht und späterer Aggression/Delinquenz. Der Aufsatz von Helmut Remschmidt gibt einen Überblick über die Folgen von Kindesmisshandlung und zeigt, wie neurobiologische Merkmale auch durch extreme soziale Erfahrungen beeinflusst werden. In der Arbeit von Jill Portnoy & Adrian Raine werden kriminologisch relevante psychophysiologische und hormonelle Forschungsergebnisse dargestellt und u.a. dafür genutzt, die inter-generationelle »Übertragung« von Kriminalität zu erklären. Drei weitere Aufsätze betreffen umschriebene psychische Störungen, für die neurobiologische Faktoren bedeutsam sind, und die relativ häufig mit Delinquenz und Gewalt zusammenhängen. Friedrich Lösel & Martin Schmucker geben einen Überblick über die Forschung zur Psychopathie. Sheilagh Hodgins, Boris Schiffer & Rüdiger Müller-Isberner befassen sich mit der Schizophrenie und arbeiten dabei drei unterschiedliche Formen schizophrener Gewalttäter heraus. Die Arbeit von Michael Soyka widmet sich der Alkohol- und Drogenabhängigkeit als einem Thema mit hoher kriminologischer Relevanz. In den meisten Beiträgen des zweiten Teils wird deutlich, dass neurobiologische Erkenntnisse eng mit dem Ansatz der Entwicklungskriminologie und der kriminologischen Lebenslaufforschung verbunden sind. Dazu sei auf das einschlägige Themenheft der Monatsschrift für Kriminologie aus dem Jahr 2009 verwiesen.

Das vorliegende Heft schließt mit einer aus dem Kreis der Monatsschrift-Herausgeber verfassten einschlägigen Buchbesprechung. Darin befasst sich Stephan Quensel kritisch mit zwei kriminologischen Lehrbüchern, die neurobiologischen Erklärungsansätzen kriminellen Verhaltens verpflichtet sind.

Wir konnten für dieses Themenheft führende Wissenschaftler aus Deutschland und Nordamerika gewinnen, denen wir herzlich für die sehr gute Zusammenarbeit danken. Ein besonderer Dank gilt Frau Diplom-Psychologin Ulrike Auerbach für die zuverlässige und kompetente Betreuung der Autoren und der Herausgeber dieses Doppelhefts sowie die Geduld während der Erarbeitung und Drucklegung der Texte.

S. 327-329 

Artikel

I. Grundlagen und Bezug zum Strafrecht

Freiheitsintuitionen
Handlungsurheberschaft zwischen Natur und Kultur

von Wolfgang Prinz

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Unser Handeln ist von Freiheitsintuitionen begleitet. Wir verstehen uns als Urheber unserer Handlungen und sind davon überzeugt, dass wir, wenn wir nur wollten, auch anders handeln könnten, als wir es tun. Deshalb verstehen wir das, was wir tun, als Ergebnis freier Entscheidung. In der klassischen Diskussion zu Fragen der Willensfreiheit sind Freiheitsintuitionen entweder als Hinweis auf tatsächlich existierende Willensfreiheit bewertet worden – oder als Illusionen, die uns eine Freiheit vorgaukeln, die es nicht gibt. Ein dritter Weg besteht darin, Willensfreiheit und die Intuitionen, die sie reflektieren, als soziale Artefakte zu betrachten. Soziale Artefakte bilden nicht die Wirklichkeit ab, sondern bringen Wirklichkeit hervor. Deshalb ist die Willensfreiheit, die wir uns zuschreiben, real.

Schlüsselwörter: Menschliches Handeln, Freiheitsintuitionen, Willensfreiheit

S. 333-344 

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Möglichkeiten und Grenzen neurowissenschaftlicher Untersuchungsmethoden bei der Beurteilung von Delinquenz

von Andrea Dreßing und Harald Dreßing

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Innovative neurowissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie Neuroimaging und genetische Studien geben Hinweise auf funktionelle und strukturelle Hirnanomalien sowie genetische Risikofaktoren bei Straftätern. Die vorliegende Arbeit stellt exemplarisch einige neurobiologische Studien bei antisozialen Straftätern vor und diskutiert die Bedeutung dieser Befunde für die Kriminologie und die Forensische Psychiatrie. Dabei wird die Position vertreten, dass die Neurowissenschaften zwar einen erheblichen Beitrag zum besseren Verständnis der biologischen Determinanten von Delinquenz leisten, aber nicht für monokausale Kriminalitätstheorien missbraucht werden dürfen. Delinquentes Verhalten wird auch im Lichte moderner neurowissenschaftlicher Erkenntnisse immer nur in einem komplexen Wechselspiel von biologischen, sozialen und individualpsychologischen Faktoren eingeordnet werden können.

Schlüsselwörter: Forensische Psychiatrie, neurobiologische Forschung, funktionelle Kernspintomographie, antisoziale Persönlichkeitsstörung, Psychopathie

S. 345-355 

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Neurowissenschaften in foro: Hilfreiche Technik oder neue Quelle von Missverständnissen?

von Jürgen Leo Müller und Norbert Nedopil

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Neurobiologische Untersuchungen sind oftmals auch bei der psychiatrischen Beurteilung gerichtlicher Fragestellungen erforderlich. Zusätzlich zu der bei einer sachgerechten Diagnosestellung geforderten organischen Abklärung eröffnen aktuelle neurowissenschaftliche Verfahren neue Perspektiven. Im Folgenden werden neue empirische Methoden bei der Beantwortung forensisch relevanter Fragestellungen beleuchtet und deren Nutzbarkeit für den psychiatrischen Sachverständigen und die Gerichte kritisch diskutiert.

Schlüsselwörter: Forensisch psychiatrische Begutachtung, Forensische Neurowissenschaft, Neurohype, Neuroskeptizismus, Gehirnscanner und Gericht

S. 356-364

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Neuroimaging and Criminal Law
[Neuroimaging und Strafrecht]

by Reinhard Merkel

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Seit ihrer Entstehung vor mehr als drei Jahrzehnten haben die modernen Methoden der sog. bildgebenden Verfahren in den Neurowissenschaften (»Neuroimaging«) auch in die Beweisaufnahmen von Straf- oder Zivilprozessen gelegentlich Eingang gefunden. In jüngster Zeit nimmt die Zahl dieser Fälle zu. Mehr als das: Die Integration des Neuroimaging in rechtliche Verfahren scheint sich der Schwelle systematischer Regelmäßigkeit zu nähern. Insbesondere für den Strafprozess wirft dies eine Reihe neuartiger normativer Fragen auf. Das gilt für jede der drei prozessualen Sphären, in denen eine Anwendung des Neuroimaging prima facie in Betracht kommt: zur Klärung der Schuldfähigkeit von Beschuldigten, als Test der Glaubwürdigkeit von Aussagen und zur Bestimmung der künftigen Gefährlichkeit von Tätern im Maßregelverfahren. Den beiden letztgenannten Themen widmen sich die nachfolgenden Überlegungen. (Von der Möglichkeit, Neuroimaging sinnvoll zur Diagnose der Schuldunfähigkeit von Tätern einzusetzen, sind die empirischen Möglichkeiten und das theoretische Verständnis der zuständigen Wissenschaften noch weit entfernt.) Als exemplarisches Modell wird hierfür die technisch avancierteste Form des Neuroimaging, die funktionale Magnetresonanztomographie (fMRT; englisch fMRI), herangezogen. Die Analyse setzt einige grundlegende Unterscheidungen voraus: (1) zwischen den verschiedenen Phasen des Strafverfahrens; (2) zwischen den unterschiedlichen Rollen, die von den Verfahrensbeteiligten (v.a. von Anklage und Verteidigung) gespielt werden, sowie zwischen den divergierenden Beweiszielen und -lasten, die mit diesen Rollen verbunden sind; und schließlich (3) zwischen freiwilliger und erzwungener fMRT. Die Untersuchung zeigt, dass es keine guten Gründe gibt, Methoden des Neuroimaging zur »Lügendetektion« einerseits und zur Gefährlichkeitsprognose andererseits vollständig aus dem Strafverfahren zu verbannen. Für Beweiszwecke der Entlastung des Beschuldigten sollten sie vielmehr unter genau engen und genau definierten Voraussetzungen zugelassen, für die Zwecke eines Schuldnachweises dagegen generell als ungeeignet bzw. unzulässig untersagt werden. Tragende Argumente für diese Sicht der Dinge werden eingehend dargelegt und erörtert. Für Gefährlichkeitsprognosen im Maßregelverfahren mag den Staat künftig sogar eine Rechtspflicht treffen, Häftlingen die Möglichkeit einer solchen Entlastung durch Neuroimaging zu gewährleisten, sofern ihnen andernfalls eine Verwahrung unbestimmter oder sogar unbegrenzter Dauer drohen könnte.

Schlüsselwörter: Neuroimaging, funktionale Magnetresonanztomographie (fMRT, fMRI), Strafverfahren, Lügendetektion, Beweisaufnahme, Beweislast, Gefährlichkeit, »Neuroprognose«, Sicherungsverwahrung

S. 365-386

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Neuere Erkenntnisse der Neurowissenschaften zur Gehirnentwicklung (»brain maturation«) und Implikationen für ein Jungtäterstrafrecht

von Frieder Dünkel und Bernd Geng

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
In der Zusammenschau der Forschungsbefunde zur Genese, Entwicklung und zu den differentiellen Verlaufsprozessen der Delinquenz von der Kindheit über die Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter liegen mittlerweile neuere Erkenntnisse der Neurowissenschaften vor, die für das Verständnis der Alters-Kriminalitäts-Kurve einen zusätzlichen und ergänzenden Erklärungsbeitrag leisten können. Insbesondere der »rechte« Abschnitt der Alters-Kriminalitäts-Kurve, also die spätere Entwicklungsphase von der Spätadoleszenz (etwa ab 18 Jahren) zum Jungerwachsenen (bis Mitte der dritten Lebensdekade) erfährt im Licht aktueller neurowissenschaftlicher Forschungsbefunde einen erweiterten kriminologischen Interpretationsrahmen, in dem einerseits bisherige empirisch-kriminologische Befunde ihre kohärente Entsprechung finden und andererseits sich spezifische Fragestellungen – etwa im Hinblick auf justizielle Reaktionen und Interventionen – neu bzw. anders akzentuiert stellen. Die Forderung nach einem Jungtäterrecht mit der Möglichkeit der Anwendung jugendstrafrechtlicher Sanktionen/Reaktionen auch auf Jungerwachsene bis zum Alter von ca. 25 Jahren ist im Licht dieser Erkenntnisse plausibel begründbar.

Schlüsselwörter: Heranwachsende, Jugendstrafrecht, Gehirnreifung, Neurowissenschaften, Jungtäterstrafrecht

S. 387-397

 II. Neurowissenschaftliche Forschung über Kriminalität und spezifische Risikogruppen

The Genetic-environmental Architecture of Proactive and Reactive Aggression Throughout Childhood
[Das Zusammenspiel von Genetik und Umwelt bei der proaktiven und reaktiven Aggression in der kindlichen Entwicklung]

by Stephane Paquin, Eric Lacourse, Mara Brendgen, Frank Vitaro, Ginette Dionne, Richard E. Tremblay and Michel Boivin

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Proaktive Aggression (PA) beschreibt ein instrumentelles Verhalten, das zielgerichtet ist, während reaktive Aggression (RA) in wütenden oder frustrierten Reaktionen auf eine echte oder wahrgenommene Bedrohung besteht. Bislang ist wenig darüber bekannt, welche Rolle genetische Faktoren (G) und Umweltfaktoren (U) bei der PA und RA während der Kindheit spielen. Diese Studie untersucht a) den Beitrag von G und U in der Ätiologie von Gemeinsamkeiten in der PA und RA sowie b) Komponenten von G und U, die jeweils spezifisch für PA oder RA während der Kindheit sind (Altersspanne 6–12 Jahre). Die Untersuchungsteilnehmer waren 254 eineiige und 413 zweieiige Zwillingspaare. Im Alter von 6, 7, 9, 10 und 12 Jahren wurden Lehrerangaben zu deren PA und RA erhoben. Während der Kindheit klärten genetische Faktoren sowohl den größten Teil der gemeinsamen als auch der spezifischen Varianz von PA und RA auf. Die geteilte familiäre Umwelt spielte keine Rolle. Genetische Faktoren, die PA und RA gemeinsam hatten, erklärten zwischen 39 % und 45 % der Varianz in der PA und zwischen 27 % und 42 % der Varianz in der RA. Genetische Faktoren klärten auch spezifisch einen kleinen Anteil der Unterschiede in der PA auf (9 % mit sechs Jahren und 3 % mit neun Jahren). Wie bei der RA trugen unterschiedliche genetische Faktoren zur phänotypischen Variation im Verlauf der Kindheit bei; sie klärten zwischen 12 % und 22 % der Varianz auf. Dynamische genetische Faktoren trugen zum gemeinsamen Vorkommen von PA und RA sowie zur Spezifität von RA bei. Wenige genetische Faktoren waren spezifisch für die PA. Im Gegensatz dazu bestand bei der RA ein früher, spezifischer und persistenter genetischer Einfluss, zu dem im späteren Kindesalter weitere Faktoren kamen. Die Ergebnisse stellen jene Theorien in Frage, die primär Umwelteinflüsse bei der Entstehung von reaktiver und proaktiver Aggression betonen.

Schlüsselwörter: Verhaltensgenetik, proaktive Aggression, reaktive Aggression, Kindheit, Entwicklung, Längsschnittforschung, Ätiologie, Sozialisation

S. 398-419

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Developmental Origins and Prevention of Antisocial Behaviour: The Contribution of Epigenetics
[Ursachen in der Entwicklung und Prävention von dissozialem Verhalten: Epigenetische Beiträge]

by Richard E. Tremblay

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Der Aufsatz berichtet über neuere Forschungen zur frühen Entwicklung dissozialen Verhaltens und neurobiologische Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen. Zuerst werden die Entstehungsbedingungen von physischer Aggression, Aufsässigkeit, Diebstahl und Regelverletzungen dargestellt. Dann wird auf neuropsycho­logische Prozesse eingegangen, die zur Erklärung relativ dauerhafter Dissozialität beitragen. Daraus lässt sich folgern, dass die Prävention dissozialer Entwicklungen schon ab der Zeugung beginnen sollte. Die wichtigsten Ziel­gruppen sind schwangere Frauen mit sozialen Belastungen und Problemen. Die Zeit ist reif für groß angelegte expe­ri­men­telle Studien zur frühen Prävention bei Risikofamilien. Sie sollten in der Schwangerschaft beginnen und Langzeituntersuchungen der bio-psycho-sozialen Entwicklung der Kinder enthalten.

Schlüsselwörter: Entwicklungskriminologie, Neurobiologie, Aggression, Epigenetik, Prävention

S. 420-429

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ADHS und die Entstehung dissozialen Verhaltens
Eine entwicklungspsychiatrische Betrachtung

von Timo D. Vloet, Georg G. von Polier, Christian Bachmann und Beate Herpertz-Dahlmann

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine der häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen. Bis heute ist unklar, ob ADHS allein ein Risikofaktor für eine spätere delinquente Entwicklung darstellt oder ob dies nur für die Kombination von ADHS mit Störungen des Sozialverhaltens gilt. Ziel dieses Artikels ist es, eine Übersicht der aktuellen Literatur zu geben und den Entwicklungsverlauf von kindlicher ADHS zu kriminellem Verhalten im Erwachsenenalter zu beschreiben. Das gemeinsame Auftreten von ADHS und Störungen des Sozialverhaltens (im Sinne einer »Conduct Disorder« (CD), nicht jedoch einer »Oppositional Defiant Disorder« (ODD)) ist eng verknüpft mit einer Reihe biologischer und umweltbedingter Risikofaktoren wie neurokognitiver Störungen, ausgeprägter elterlicher Psychopathologie, eingeschränkten sozialen Funktionen sowie weiteren komorbiden Störungen, insbesondere Substanzmissbrauch. Diese werden in der nachfolgenden Übersicht beschrieben. Zusätzlich werden Ergebnisse von Behandlungsstudien dargestellt, wobei ein spezieller Fokus auf die »Multimodal Treatment Study of Children with ADHD« (MTA) gelegt wird. Obwohl Therapieprogramme, die Medikation und psychosoziale Behandlung einschließen, v.a. kurzfristig das Funktionsniveau von Kindern mit ADHS im häuslichen sowie schulischen Rahmen verbessern, existiert bislang kein Beweis, dass dadurch auch das Risiko einer delinquenten Entwicklung im Erwachsenenalter reduziert wird.

Schlüsselwörter: ADHS, Delinquenz, Dissozialität, Entwicklung, Störung des Sozialverhaltens

S. 430-449

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Pregnancy and Birth Complications and Externalizing Behavioral Problems in Preschoolers
An Empirical Study
[Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen und externalisierende Verhaltensprobleme von Kindern im Vorschulalter
Eine empirische Studie]

by Ute Koglin and Friedrich Lösel

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Internationale Studien zeigen, dass Personen mit Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen ein erhöhtes Risiko für aggressives und delinquentes Verhalten in der Kindheit und spätere Kriminalität haben. Neuropsychologische Theorien zur Selbstkontrolle erklären diesen Zusammenhang. Unklar ist aber, ob Schwangerschafts- und Geburtsrisiken einen direkten Effekt auf externalisierende Verhaltensprobleme ausüben oder in Wechselwirkung mit sozialen Einflüssen stehen. Dieser Frage widmet sich die vorliegende Studie. Sie untersucht den Zusammenhang zwischen Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen und Aggression/Delinquenz und Hyperaktivität bei 611 Jungen und Mädchen zwischen 4 und 5 Jahren. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen wurden über die kinderärztlichen Untersuchungshefte erhoben und die Erzieherinnen beurteilten das Verhalten der Kinder im Social Behavior Questionnaire. Die Komplikationen korrelierten zwar signifikant mit dem späteren externalisierenden Verhalten, bei Kontrolle der sozialen Schichtzugehörigkeit gab es aber keinen direkten Effekt. Dagegen bestand eine Wechselwirkung mit der Schicht. Kinder mit Komplikationen aus Familien mit einem geringen Sozialstatus zeigten mehr Aggression und Delinquenz als andere.

Schlüsselwörter: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, Aggression, Delinquenz, Hyperaktivität, Kindergarten

S. 450-460

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Die Folgen von Misshandlungen in Kindheit und Jugend: Seelische Belastungen und Spuren im Gehirn

von Helmut Remschmidt

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch und seelische Misshandlung haben in der Regel gravierende und langfristige Folgen. Solche sind: körperliche Beeinträchtigungen, psychopathologische Auffälligkeiten, kognitive und emotionale Beeinträchtigungen sowie Veränderungen von Hirnstruktur und Hirnfunktion. Im Hinblick auf letztere haben die modernen bildgebenden Verfahren eine Fülle von Daten zutage gefördert, die sich bislang allerdings auf Korrelationen erstrecken. Über die Vermittlungswege und die pathophysiologischen Auswirkungen ist wenig bekannt. Art und Ausmaß der Folgen sind abhängig von der genetischen Ausstattung des Individuums und ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt (Vulnerabilität versus Resilienz). Umwelteinwirkungen haben erheblichen Einfluss auf die Verursachung von Misshandlungen aller Art. Sie haben aber auch ein bedeutsames therapeutisches und pädagogisches Potential, auf das Interventionen aufbauen können.

Schlüsselwörter: Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, seelischer Missbrauch, Folgen, Untersuchungsmethoden, Prävention

S. 461-472

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Biological Contributions to Criminological Research
[Biologische Beiträge zur kriminologischen Forschung]

by Jill Portnoy and Adrian Raine

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Die biologische Forschung hat wichtige Beiträge zur Kriminologie geliefert, doch sind vermehrte Forschungen in diesem Bereich nötig. Der vorliegende Beitrag befasst sich mit psychophysiologischen und hormonellen Untersuchungen zum dissozialen Verhalten. Insbesondere wird dargestellt, wie diese Forschung zum Verständnis der Geschlechtsunterschiede im dissozialen Verhalten und der »Übertragung« von Kriminalität zwischen den Generationen beitragen kann. In der Psychophysiologie hat sich gezeigt, dass der Ruhepuls, die respiratorische Sinusarrythmie und die Vor-Auswurfperiode des Herzens mit dissozialem Verhalten zusammenhängen. In Hormonstudien hat sich ergeben, dass ein erhöhtes Testosteronniveau und verminderte Cortisol-Werte mit Dissozialität und Kriminalität einhergehen. Da sich männliche und weibliche Personen in diesen biologischen Variablen unterscheiden, kann die einschlägige Forschung dazu beitragen, die evidenten Geschlechtsunterschiede im dissozialen und straffälligen Verhalten zu erklären. Der Ruhepuls sowie die Testosteron- und Cortisol-Werte sind partiell erblich bedingt, so dass diese Forschung auch einen Ansatz liefert, die intergenerationale »Übertragung« dissozialen Verhaltens zu erklären. Zukünftige Forschung sollte die biologischen Beiträge zur Kriminologie vertiefen.

Schlüsselwörter: Biosoziale kriminologische Forschung, Hormone, Psychophysiologie, intergenerationale »Übertragung« von Kriminalität, Herzrate

S. 473-484

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Psychopathie: Ein zentrales Thema der »Neurokriminologie«

von Friedrich Lösel und Martin Schmucker

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung
Die Persönlichkeitsstörung der »Psychopathy« (Psychopathie) ist ein Kernthema der neurowissenschaftlichen Forschung über Kriminalität. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Kenntnisstand. Hares (1991) Konzept der Psychopathie und die Messung mittels der PCL‑R haben zwar die Forschung wesentlich gefördert, doch bestehen verschiedene Probleme, die dafür sprechen, neuere Ansätze wie das CAPP-Modell zu berücksichtigen. Auch was die Rückfallprognose betrifft, erweist sich die PCL‑R gegenüber anderen strukturierten Instrumenten nicht als überlegen. Der Hauptteil des Beitrags befasst sich mit neurobiologischen Theorien und Ergebnissen zur Psychopathie. Neben Besonderheiten in physiologischen und hormonellen Merkmalen sowie den Neurotransmittern zeigen sich bei Psychopathen insbesondere Funktionsdefizite im präfrontalen Cortex und in Strukturen des limbischen Systems. Diese Befunde decken sich mit neuropsychologischen Theorien zu Defiziten hinsichtlich corticaler Erregung, Vermeidungslernen, somatischen Markern, Emotionalität, Empathie, Impulskontrolle und Aufmerksamkeitsallokation. In Ergänzung der Fortschritte in der Grundlagenforschung zur Psychopathie deuten sich auch in der Behandlung erfolgversprechende Entwicklungen an. Forschungsdefizite und Perspektiven werden skizziert.

Schlüsselwörter: Psychopathie, Neurowissenschaft, Kriminalität, Persönlichkeitsstörung, präfrontaler Cortex, Rückfallprognose, Behandlung

S. 485-501

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Violence among People with Schizophrenia: Phenotypes and Neurobiology
[Aggressives Verhalten und Gewaltdelikte bei Personen mit Schizophrenie]

by Sheilagh Hodgins, Boris Schiffer and Rüdiger Müller-Isberner

[in englischer Sprache]

Zusammenfassung
Schizophreniekranke haben im Vergleich zur restlichen Bevölkerung eine erhöhte Aggressionsneigung und ein erhöhtes Risiko, Gewalttaten und Tötungsdelikte zu begehen. Psychotische Symptome erklärten nur das in akuten Phasen häufige aggressive Verhalten, nicht aber vergleichbares Verhalten vor Ausbruch der Erkrankung oder außerhalb akuter Krankheitsphasen. Drei distinkte Typen schizophrener Gewalttäter konnten identifiziert werden: (1) Individuen mit einer im Kindesalter beginnenden »Störung des Sozialverhaltens«, die vor und nach Ausbruch der Schizophrenie antisoziales und aggressives Verhalten zeigen; (2) Individuen ohne Vorgeschichte von Verhaltensproblemen, die ab Ausbruch der Erkrankung aggressives Verhalten zeigen; und (3) Individuen, die nach vieljährigem Krankheitsverlauf plötzlich schwere Gewalthandlungen begehen. Über die Ätiologie dieser drei Typen ist ebenso wenig bekannt wie über die neuronalen Mechanismen, die dieses Verhalten initiieren und aufrechterhalten. Wir vertreten die Hypothese, dass Schizophrenie nach vorausgehender »Störung des Sozialverhaltens« mit einer Kombination von Genen assoziiert ist, die die Vulnerabilität für beide Störungen übertragen, dadurch den Effekt von Umweltfaktoren auf das Gehirn verändern und zu einer abnormen neuronalen Entwicklung führen. Im Gegensatz dazu dürfte Delinquenz erwachsener Schizophrener ohne dissoziale Vorgeschichte auf Veränderungen im Gehirn beruhen, die sich mit Ausbruch der Erkrankung abspielen und die durch Substanzmissbrauch und/oder spätere, krankheitsbedingte progressive Hirnveränderungen und/oder Einnahme von Antipsychotika verstärkt werden.

Schlüsselwörter: Schizophrenie, Gewalt, Störung des Sozialverhaltens

S. 502-520

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Alkohol- und Drogenabusus und Delinquenz

von Michael Soyka

[in deutscher Sprache]

Zusammenfassung

Alkohol- und Drogenabhängigkeit sind sehr häufig mit delinquentem und speziell gewalttätigem Verhalten assoziiert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Schlüsselrolle kommt dem Einfluss von Rauschzuständen zu, z.T. auch Intoxikationspsychosen. Andere wichtige Faktoren sind persönlichkeitsgebundene Eigenschaften Drogenabhängiger (sogenannte dissoziale Persönlichkeit) und die Komorbidität von Suchterkrankungen und psychischen Störungen, speziell Schizophrenien und manisch-depressiven Erkrankungen. Dargestellt wird die Häufigkeit von Aggressionstaten bei Suchterkrankungen mit Schwerpunkt Alkoholismus, aber auch die Bedeutung wichtiger Co-Faktoren, wie z.B. kognitive Beeinträchtigung, schließlich aber auch neurobiologische Aspekte von Aggression bei Sucht.

Schlüsselwörter: Alkohol, Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit, Aggression, Gewalt, Delinquenz

S. 521-531

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Besprechungsaufsatz

Wie hilfreich sind die neo-modernen biosozialen Ansätze?
Eine Rezension der beiden Lehrbücher von Wright, Tibbetts & Daigle »Criminals in the Making« und Beaver, Barnes & Boutwell »The Nurture Versus Biosocial Debate in Criminology« 

von Stephan Quensel

[in deutscher Sprache]

S. 532-538

Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

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Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
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