98. Jahrgang Heft 3 (Juni) 2015

Themenheft

Situational Action Theory
Forschungsergebnisse aus den deutschsprachigen und angrenzenden Ländern

Inhalt

Editorial: Die Situational Action Theory – ein originär europäischer Forschungsmotor

von Helmut Hirtenlehner und Jost Reinecke

Die Kriminologie benennt als ihren Gegenstand gerne die wissenschaftliche Untersuchung von Kriminalität und Kriminalitätskontrolle (Neubacher 2011). Die Lehre von den Ursachen der Kriminalität bzw. des kriminellen Handelns muss dabei als weitgehend US-amerikanisch dominiert angesehen werden. Ansätze zur Erklärung delinquenten Handelns werden traditionell vorwiegend in Nordamerika entwickelt und getestet. Auch gegenwärtig gestaltet sich die Logistik der Kriminalätiologie nach dem etwas eigenwilligen Muster, dass Kriminalitätstheorien in der Regel in den USA entworfen und dort mehrfach geprüft werden, bevor sie dann in die »alte Welt« exportiert, von europäischen Kriminologen rezipiert und vereinzelt auch erfahrungswissenschaftlich getestet werden. 

In der zeitgenössischen europäischen Kriminologie liegt der theoretische und empirische Schwerpunkt mehr bei der gesellschaftlichen Reaktion auf Kriminalität und abweichendes Verhalten. Während die europäische, stark von Großbritannien geprägte Kriminologie vielfach in der kritischen Analyse staatlicher Kriminalitätskontrolle verharrt oder sich mit kriminalitätsrelevanten Befindlichkeiten und Mentalitäten der Bevölkerung befasst, richtet die eher naturwissenschaftlichen Erklärungsidealen verhaftete US-amerikanische Kriminologie ihr Augenmerk seit jeher auf die Ursachen des strafbaren Handelns von Individuen oder deren Aggregation, die lokale, regionale oder nationale Kriminalitätsrate. Dass ihr das den Vorwurf einer positivistischen, unkritischen Anbiederung an staatliche Kontrollbemühungen eingebracht hat, sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt (Tonry 2014). 

Eine bemerkenswerte Durchbrechung der einschlägigen nordamerikanischen »Themenfüh­rerschaft« stellt derzeit die von Per-Olof Wikström (z.B. 2004; 2010; 2014) an der Universität Cambridge in England entwickelte Situational Action Theory (SAT) dar. Es handelt sich dabei um einen originär in Europa ausgearbeiteten und hier auch konzertiert beforschten Ansatz zur Erklärung abweichenden Verhaltens. Wikströms SAT besagt im Kern, dass eine Person-Umwelt-Interaktion (eine Wechselwirkung zwischen der persönlichen Neigung zur Kriminalität und der von der unmittelbaren Umgebung ausgehenden kriminellen Gefährdung) im Individuum einen Wahrnehmungs-Entscheidungs-Prozess anstößt, der dann das subjektive Handeln steuert. Der Erklärungsanspruch erstreckt sich dabei auf alle Formen »moralischen« Handelns – also auf jede Art von regelgeleiteter Handlung. Im Gegensatz zu herkömmlichen Rational-Choice-Theorien geht die SAT von einem Primat moralischer Kräfte aus: Kosten-Nutzen-Erwägungen schieben sich nur dann in den Vordergrund, wenn fragile persönliche Moralvorstellungen und ein problematischer moralischer Kontext dies zulassen. Auch dann soll das Handeln aber nur einer begrenzten und nicht einer globalen Rationalität folgen (Simon 1997). 

Auf eine ausführlichere Vorstellung der SAT soll an dieser Stelle verzichtet werden: Dies wird von Wikström im ersten Beitrag des vorliegenden Themenheftes besser geleistet, als wir es hier könnten. Vorangestellt werden soll den kommenden Artikeln aber ein Verweis auf die internationale Forschungslandschaft zur SAT. Es ist nämlich als ein faktisches Alleinstel­lungsmerkmal der SAT zu werten, dass sie von den Anfängen ihrer Entwicklung an konzertierte empirische Forschungsunternehmungen in zahlreichen europäischen Ländern zu stimulieren vermochte. Dabei war die SAT von Beginn an ein »empirisches« Projekt: Sie wurde maßgeblich in der Auseinandersetzung mit den Befunden der »Peterborough Youth Study« (Wikström & Butterworth 2006) und der nachfolgenden »Peterborough Adolescent and Young Adult Development Study« (PADS+) (Wikström et al. 2012) konstruiert. 

Die PADS+ verkörpert eine der anspruchsvollsten, reichhaltigsten und elaboriertesten kriminologischen Untersuchungen aller Zeiten. Man wird sie mit Fug und Recht als Meilenstein auf der kriminologischen Forschungslandkarte bezeichnen dürfen. Von Anfang an als Panelstudie angelegt, bedient sie sich eines breit gefächerten methodischen Instrumentariums, um Daten über Eigenschaften handelnder Akteure und deren Umgebungsbedingungen zu erheben. Bestandteile sind neben Elternbefragungen wiederholte Fragebogenmessungen der Einstellungs- und Verhaltensprofile von rund 700 jungen Menschen aus Peterborough (inzwischen liegen sieben Befragungswellen vor), regelmäßige Beobachtungen der kontextspezifischen Aktivitätsmuster dieser Personen im Wege des sogenannten Raum-Zeit-Budgets, Gemeindebefragungen zur Erfassung kleinräumiger sozialökologischer Umgebungseigenschaften sowie Sekundäranalysen zensusgenerierter Sozialraumvariablen und behördlich dokumentierter Straffälligkeitsdaten. Als methodische Innovation ist vor allem die Nutzbarmachung des Raum-Zeit-Budgets für situationsorientierte Kriminalitätsanalysen zu betrachten (Wikström et al. 2011). Hier werden die Befragten gebeten, für jede Stunde eines zeitlich begrenzten Beobachtungszeitraumes genau anzugeben, wo sie waren (Ort), was sie dort gemacht haben (primäre Aktivität), wer noch anwesend war (Kontakte), ob sie unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen standen (Berauschung) und ob bzw. zu welchen Straftaten es in dieser Stunde gekommen ist (Delinquenz). Eine Zusammenführung dieser situationsspezifischen Daten mit Informationen aus den anderen Datenquellen ermöglicht eine Analyse der Person-Umwelt-Interaktion auf der Ebene von Personenstunden, in denen Individualeigenschaften, Expositionsmerkmale und Aktivi­tätsmuster zu einer kriminalitätssteuernden Melange verschmelzen. 

Inspiriert von der PADS+ und ihren Instrumenten wurden inzwischen in mehreren europäischen Ländern Untersuchungen zur SAT durchgeführt – so z.B. in den Niederlanden (Gerben Bruinsma, Wim Bernasco, Frank Weerman), Belgien (Lieven Pauwels), Slowenien (Gorazd Mesko), Spanien (Alfonso Serrano-Maillo), Österreich (Helmut Hirtenlehner) und Deutschland (Dietrich Oberwittler, Klaus Boers, Jost Reinecke, Stefanie Eifler, Dirk Enzmann, Clemens Kroneberg)[1]. Gerade in Deutschland ist die diesbezügliche Studienlandschaft breit gefächert. Wie Anfang Oktober des Vorjahres in einem einschlägigen Symposion[2] in Cambridge recht deutlich wurde, nehmen sich in keinem anderen Land so viele verschiedene Wissenschaftlerteams der empirischen Auseinandersetzung mit der SAT an wie nunmehr in Deutschland. 

Die Motivation, der SAT ein eigenes Themenheft der Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform zu widmen, nährt sich aus dem beeindruckenden Forschungsvolumen, das die Theorie hierzulande generiert. Es ist denn auch das erklärte Ziel des vorliegenden Heftes, einen Überblick über die deutschsprachige Forschungslandkarte zur SAT zu geben. Unsere Übersicht bleibt zugegebenermaßen unvollständig: Nicht alle hier zur SAT arbeitenden Kriminologen konnten zum aktuellen Zeitpunkt schon Ergebnisse aus ihren Untersuchungen berichten. Diese Lücke eröffnet aber zugleich eine Chance: Der frei werdende Raum machte es möglich, Forscher aus benachbarten Ländern dafür zu gewinnen, ihre Befunde einem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung zu stellen. Mit Belgien und Slowenien tragen deshalb zwei weitere mitteleuropäische Länder zur Bestandsaufnahme des empirischen Fundamentes der SAT bei[3]

Wie es sich für ein einer einzigen Kriminalitätstheorie zugedachtes Themenheft ziemt, wird die Sammlung der Beiträge von einer die Argumentation und Positionen der beleuchteten Theorie ins Zentrum rückenden Abhandlung eröffnet. In einem theoretisch gehaltenen Artikel stellt Wikström selbst seine SAT zum ersten Mal in deutscher Sprache vor. Es folgen sechs empirische Beiträge, in denen Kernannahmen der SAT erfahrungswis­senschaftlich geprüft werden. Wiederkehrende Themen dabei sind die im Herzen der Theorie verortete Person-Umwelt-Interaktion (Gerstner & Oberwittler; Hirtenlehner; Pauwels; Schepers & Reinecke), das Zusammenwirken von Moralität und Selbstkontrolle (Eifler; Hirtenlehner; Pauwels) sowie die bedingte Relevanz von Kontrolle (Eifler; Mesko et al.). Wenig überraschend fällt in allen Arbeiten der Analyse von Wechselwirkungsbeziehungen eine zentrale Bedeutung zu. 

Ein spezialisierter Fokus zeichnet die Beiträge von Gerstner & Oberwittler bzw. von Schepers & Reinecke aus, welche im ersten Fall gezielt die Rolle der Einbindung in delinquente Freundschaftswelten und im zweiten Fall primär den Stellenwert persönlicher Moralvorstellungen in den Blick nehmen. In deliktspezifischer Hinsicht heben sich die Arbeiten von Eifler und Hirtenlehner von den allgemeinen Kriminalitätsanalysen ab: Sie wenden die SAT speziell auf die Fundunterschlagung (Eifler) bzw. den Ladendiebstahl (Hirtenlehner) an. 

Verdienste hat die Forschung zur SAT auch im Bereich der statistischen Analyse von Wechselwirkungsbeziehungen erworben. Der starke Fokus der SAT auf Interaktions­dynamiken veranlasste zahlreiche Forschergruppen, sich vertieft mit der mathematischen Prüfung von Interaktionseffekten, insbesondere im Rahmen nicht-linearer statistischer Modelle, auseinanderzusetzen. Das Testen von Interaktionsbeziehungen in nicht-linearen Auswertungsmodellen – wie sie die gängigen Messungen selbstberichteter Kriminalität regelmäßig erfordern – stellt ein heikles Unterfangen dar, dessen Problematik vielen quantita­tiv tätigen Kriminologen bis heute nicht ausreichend bewusst ist. Eine einfache Übertragung der Produkttermanalyse aus der Kleinsten-Quadrate-Regression in einen nicht-linearen Bezugsrahmen erscheint jüngeren methodologischen Arbeiten zufolge nicht zulässig (Oberwittler & Gerstner 2014). Diese Problematik erkannt und mögliche Lösungsansätze in die Kriminologie importiert zu haben, muss den entsprechenden Forscherkollegen hoch angerechnet werden. Die im gegenständlichen Themenheft enthaltenen empirischen Beiträge bieten dementsprechend auch einen ersten (unvollständigen) Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Interaktionsanalyse mit kriminologischem Datenmaterial. 

Unterm Strich bilden die hier versammelten Werke die derzeitige inhaltliche Breite und methodische Eleganz der Studienlandschaft zur SAT recht gut ab. Dem Leser sei somit viel Vergnügen, aber auch Erkenntnisgewinn bei der Lektüre des vorliegenden Themenheftes gewünscht.

 


[1] Dass die internationale Forschung zur SAT abgestimmt und wechselseitig informiert erfolgt, ist ganz maßgeblich den Verdiensten von Per-Olof Wikström um die Vernetzung der verschiedenen Forschergruppen zu verdanken. Den Herausgebern dieses Themenheftes ist keine andere Kriminalitätstheorie bekannt, die von Beginn ihrer Entwicklung an derart konzertiert empirische Studien in verschiedensten Ländern zu stimulieren vermochte.

[2] Testing Situational Action Theory Workshop, 4./5. Oktober 2014, Moeller Centre, Churchill College, Cambridge.

[3] Dass Slowenien hier als »benachbartes« Land bezeichnet wird, erklärt sich dem Umstand, dass einer der Herausgeber dieses Themenheftes in Österreich beheimatet ist.

Literatur

Karstedt, S. (2005). Notizen von einer Insel – oder Kriminologie als »fröhliche Wissenschaft«: Kann man von der britischen Kriminologie lernen?, in: A. Pilgram & C. Prittwitz (Hrsg.), Kriminologie – Akteurin und Kritikerin gesellschaftlicher Entwicklung. Jahrbuch für Rechts- und Kriminalsoziologie '04. Baden-Baden, 231–246.

Neubacher, F. (2011). Kriminologie. Baden-Baden.

Oberwittler, D. & Gerstner, D. (2014). Die Modellierung von Interaktionseffekten in Erklärungsmodellen selbstberichteter Delinquenz – Ein empirischer Vergleich von linearer OLS-Regression und negativer Binomialregression anhand der Wechselwirkungen von Risikoorientierung und Scham, in: S. Eifler & D. Pollich (Hrsg.), Empirische Forschung über Kriminalität. Methodologische und methodische Grundlagen. Wiesbaden, 275–301.

Simon, H. (1997). An Empirically Based Microeconomics. Cambridge.

Tonry, M. (2014). Is there, should there be, a European criminology? Criminology in Europe. Newsletter of the European Society of Criminology 2, 1–3.

Wikström, P.-O. (2004). Crime as Alternative. Towards a Cross-Level Situational Action Theory of Crime Causation, in: J. McCord (ed.), Beyond Empiricism: Institutions and Intentions in the Study of Crime. New Brunswick, 1–37.

Wikström, P.-O. (2010a). Explaining Crime as Moral Action, in: S. Hitlin & S. Vaysey (eds.), Handbook of the Sociology of Morality. New York, 211–240.

Wikström, P.-O. (2014). Why Crime Happens: A Situational Action Theory, in: G. Manzo (ed.), Analytical Sociology: Actions and Networks. Chichester, 74–94.

Wikström, P.-O. & Butterworth, D. (2006). Adolescent Crime. Individual Differences and Lifestyles. New York.

Wikström, P.-O., Oberwittler, D., Treiber, K. & Hardie, B. (2012). Breaking Rules. The Social and Situational Dynamics of Young People’s Urban Crime. Oxford.

Wikström, P.-O., Treiber, K. & Hardie, B. (2011). Examining the Role of the Environment in Crime Causation: Small-Area Community Surveys and Space-Time-Budgets, in: D. Gadd, S. Karstedt & S. Messner (eds.), The Sage Handbook of Criminological Research Methods. London, 111–127.

S. 173-176

Artikel

Situational Action Theory

von Per-Olof H. Wikström

Zusammenfassung
Der gegenständliche Beitrag gibt eine deutschsprachige Einführung in die Situational Action Theory. Diese Theorie will erklären, warum Menschen Verhaltensregeln befolgen oder brechen. Kriminalität als Übertretung strafrechtlich geschützter Verhaltensregeln ist vom Erklärungsanspruch mit erfasst. Im Wesentlichen wird argumentiert, dass eine Person-Umwelt-Interaktion einen Wahrnehmungs-Entscheidungs-Prozess initiiert, der dann das individuelle Handeln steuert. Moralischen Faktoren wird dabei ein größeres Einflussgewicht beigemessen als kontrollierenden Kräften.

Schlüsselwörter: Situational Action Theory, Handlungstheorie, Kriminalätiologie

S. 177-186

* * *

Die Bedeutung moralischer Werte für die Erklärung delinquenten Verhaltens Jugendlicher
Eine Anwendung der Situational Action Theory

von Debbie Schepers und Jost Reinecke

Zusammenfassung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Anwendung und Überprüfung der Situational Action Theory (Wikström 2006; 2009; Wikström et al. 2012) zur Erklärung delinquenten Verhaltens junger Menschen. Die Situational Action Theory kombiniert individuelle und kontextuelle Konstrukte in einen integrativen Erklärungsrahmen. In ihren grundlegenden Annahmen geht die Theorie davon aus, dass deviantes und delinquentes Verhalten mehr durch moralische Werthaltungen gesteuert wird und weniger durch die rationale Bewertung von Handlungsalternativen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine kriminelle Handlung begangen wird, ist einerseits abhängig von der kriminellen Neigung (propensity) einer Person und andererseits durch ihre Gefährdung in kriminogenen Umgebungsbedingungen (exposure) bestimmt. Kriminelle Handlungen sind der Situational Action Theory zur Folge das Ergebnis eines Wahr­neh­mungs­entscheidungsprozesses, der durch die Interaktion von krimineller Neigung und kriminogener Exposition erklärt werden kann. Die zentralen Hypothesen der Situational Action Theory werden mit Hilfe von Strukturgleichungsmodellen überprüft. Die Ergebnisse bestätigen mit Einschränkungen die von der Theorie postulierten Person-Umwelt-Interdependenzen.

Schlüsselwörter: Jugenddelinquenz, Situational Action Theory, Moralität

S. 187-203

* * *

Wer kennt wen und was geht ab?
Ein netzwerkanalytischer Blick auf die Rolle delinquenter Peers im Rahmen der Situational Action Theory

von Dominik Gerstner und Dietrich Oberwittler

Zusammenfassung
Eine der zentralen Annahmen der Forschung zur Jugenddelinquenz ist, dass Jugendliche besonders dann Straftaten begehen, wenn sie sich in Begleitung anderer Jugendlicher und fernab der Aufsicht durch Erwachsene befinden. Belege hierfür finden sich auch in neueren Studien, die auf dem Theoriegerüst der »Situational Action Theory« (SAT) aufbauen. Die SAT nimmt an, dass während gemeinsamer Freizeit mit zur Delinquenz neigenden Freunden Tatgelegenheiten und Risiken verstärkt werden – dies jedoch in Abhängigkeit individuell sehr unterschiedlicher devianter Neigungen. Die Delinquenz von Freunden ist in empirischen Untersuchungen besonders schwer zu messen, und in der aktuellen Forschung finden sich hierzu interessante Ansätze. Verlässt man sich, wie traditionell üblich, auf Angaben, die Befragte über ihre Freunde machen (indirekte Messung), so wird die eigene Delinquenz häufig auf die Delinquenz der Freunde projiziert und damit der Zusammenhang zwischen eigener Delinquenz und der der Freunde überschätzt. Eine Alternative stellt die direkte Messung der Delinquenz der Freunde dar, die in der Regel ein realistischeres Bild wiedergibt. Dabei sind die Freunde über Netzwerkdaten mit den Befragten verbunden und geben selbst Auskunft über ihr Verhalten.

In unserer Untersuchung vergleichen wir anhand neuer Daten einer Schulbefragung die direkte und indirekte Messung der Delinquenz der Freunde im Hinblick auf ihre Rolle bei der Erklärung von Delinquenz im Rahmen der SAT. Es zeigt sich, dass die indirekte Messung den Einfluss von Situationen und Gelegenheiten verdeckt. So zählt in multivariaten Modellen für die Vorhersage der eigenen Delinquenz lediglich, welche persönlichen Neigungen und welche Freunde Jugendliche haben. Bei einer direkten Messung zählt darüber hinaus auch, ob man mit diesen Freunden einen risikoreichen Freizeitstil teilt.

Schlüsselwörter: Situational Action Theory, SAT, Netzwerkanalyse, delinquente Peers, negative Binomialregression, Interaktionseffekte

S. 204-226

* * *

Situation und Kontrolle
Eine Anwendung der Situational Action Theory auf Gelegenheiten zur Fundunterschlagung

von Stefanie Eifler

Zusammenfassung
Das Ziel der vorliegenden Studie besteht darin, Gelegenheiten zu Fundunterschlagungen aus der Perspektive der Situational Action Theory (SAT) zu analysieren. Im Rahmen der SAT wird die Unterschlagung einer Fundsache als ein zweistufiger Prozess konzeptualisiert, wobei auf einer ersten Stufe ein moralischer Filter die Wahrnehmung einer Gelegenheit zur Fundunterschlagung und auf einer zweiten Stufe das Prinzip der bedingten Relevanz von Kontrollen die Auswahl einer bestimmten Handlungsoption erklärt. Daraus werden die folgenden Hypothesen abgeleitet: Es wird angenommen, dass 1. die Neigung von Personen zu kriminellem Handeln die Wahrnehmung von Gelegenheiten erklärt, und dass 2. angesichts einer ungünstigen Gelegenheit das Prinzip der Kontrolle durch Abschreckung nur bei moralisch schwach gebundenen Personen zur Unterschlagung einer Fundsache führt bzw. dass angesichts einer günstigen Gelegenheit das Prinzip der Selbstkontrolle vor allem bei moralisch stark gebundenen Personen die Unterschlagung einer Fundsache verhindert. Die empirische Analyse dieser Hypothesen erfolgt auf der Basis einer postalischen Befragung (n = 2.383) einer disproportional geschichteten Zufallsstichprobe von Bewohnern einer ostdeutschen Großstadt. Gelegenheiten zu Fundunterschlagungen werden mit dem Verfahren der Vignettenanalyse modelliert. Im Rahmen der Datenanalysen werden die theoretisch spezifizierten Erklärungsmechanismen anhand von Regressionstechniken in Verbindung mit multiplen Gruppenvergleichen simultan für günstige und ungünstige Gelegenheiten überprüft. Die Ergebnisse der Studie unterstützen jeweils teilweise die Annahmen hinsichtlich der Wirkungsweise des moralischen Filters und des Prinzips der bedingten Relevanz von Kontrollen. Abschließend werden die erzielten Befunde unter theoretischen und methodischen Gesichtspunkten diskutiert.

Schlüsselwörter: Situational Action Theory (SAT), Interaktion zwischen Person und Situation, Neigung zu kriminellem Handeln, Gelegenheit, Fundunterschlagung

S. 227-256

* * *

»Gelegenheit macht Diebe!« oder »Wer raucht, der stiehlt!«
Der Beitrag der Situational Action Theory zur Erklärung der Ladendiebstahlskriminalität junger Menschen

von Helmut Hirtenlehner

Zusammenfassung
Eine gegenwärtig stetig an Prominenz gewinnende allgemeine Theorie abweichenden Handelns ist Per-Olof Wikströms Situational Action Theory. Bei aller Forschung, die die Theorie inzwischen stimulieren konnte, wurde das Erklärungsmodell bislang nur bruchstückhaft auf das Phänomen der Ladendiebstahlsdelinquenz angewendet. Die vorliegende Arbeit will diese Forschungslücke schließen. Gestützt auf eine Schülerbefragung aus Österreich wird untersucht, welchen Beitrag die in der Theorie fokussierten Einflussfaktoren für ein Verständnis der Ladendiebstahlsbelastung junger Menschen leisten und ob die postulierten Person-Umwelt-Interaktionen Widerhall in den Daten finden. Daneben wird auch das Zusammenspiel ladendiebstahlsbezogener Moralvorstellungen mit der Fähigkeit zur Ausübung von Selbstkontrolle beleuchtet. Die Ergebnisse stellen der Theorie ein in jeder Hinsicht positives Zeugnis aus. Die Ladendiebstahlshäufigkeit von Kindern und Jugendlichen speist sich aus deren Moralvorstellungen, deren Selbstkontrolle, dem moralischen Umfeld und den perzipierten Sanktionierungsrisiken, wobei gerade das Zusammenwirken von Dispositions- und Expositionsvariablen einen zusätzlichen Verständnisgewinn ermöglicht. Selbstkontrolle gewinnt insbesondere dann an Relevanz, wenn der persönliche moralische Kompass versagt.

Schlüsselwörter: Situational Action Theory, Ladendiebstahl, Jugendkriminalität

S. 257-279

* * *

Über die Haltbarkeit der in der Situational Action Theory beschriebenen Interaktionseffekte in verschiedenen Bevölkerungsgruppen
Eine belgische Studie unter Jungen und Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund

von Lieven Pauwels 

Zusammenfassung
Der vorliegende Artikel ist mit der Prüfung zweier in der Situational Action Theory prominent spezifizierter Wechselwirkungseffekte befasst: der Interaktion von Disposition und Exposition und der interaktiven Wirkung von Moralität und Selbstkontrolle. Obwohl ein Zusammenwirken der genannten Faktoren bei der Steuerung delinquenten Handelns schon in mehreren Untersuchungen nachgewiesen wurde, hat bislang noch keine Arbeit sich der Frage nach der Stabilität dieser Interaktionsbeziehungen für verschiedene Bevölkerungsgruppen angenommen. Basierend auf Daten einer Antwerpener Schülerbefragung wird hier gezeigt, dass die postulierten Interaktionsdynamiken bei Jungen und Mädchen bzw. Adoleszenten mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen zum Tragen kommen. Eine solche soziodemographische Invarianz der Interaktionseffekte spricht einerseits für die Robustheit der in der Theorie formulierten Interaktionsbeziehungen und stützt andererseits die Annahme, dass mit den angebotenen Wirkungsmechanismen tatsächlich die maßgeblichen proximalen Ursachen kriminellen Handelns identifiziert sind.  

Schlüsselwörter: Situational Action Theory, Disposition, Exposition, Moralität, Selbstkontrolle, Jugend­kriminalität 

S. 280-296

* * *

Situational Action Theory’s Prinzip der bedingten Relevanz von Kontrolle
Befunde aus Slowenien

von Gorazd Mesko, Helmut Hirtenlehner und Eva Bertok 

Zusammenfassung
Das der Situational Action Theory immanente Prinzip der bedingten Relevanz von Kontrolle besagt, dass Kontrollen nur dann eine kriminalitätszügelnde Wirkung entfalten, wenn zuvor moralische Hürden überwunden wurden. Das Versagen des moralischen Kompasses kann dabei sowohl in einer geringen persönlichen Normakzeptanz als auch in einem kriminalitätsbejahenden moralischen Umfeld wurzeln. Im Detail wird postuliert, dass äußere Abschreckung vor allem dann relevant wird, wenn die eigenen Moralvorstellungen wanken, und dass Selbstkontrolle primär dann Bedeutung erlangt, wenn die Handlungsumgebung deviante Verhaltensregeln bereitstellt. Beide Hypothesen werden anhand von Befragungsdaten aus Ljubljana (Slowenien) empirisch geprüft. Die Befunde stehen mit den theoretischen Erwartungen im Einklang. 

Schlüsselwörter: Situational Action Theory, Abschreckung, Selbstkontrolle 

S. 297-317

Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Redaktion

Einsendungen, die sich auf den Inhalt dieser Homepage bzw. auf die Zeitschrift selbst beziehen, werden erbeten an:

Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
Günterstalstr. 73
79100 Freiburg i.Br.

Telefon: +49 (0) 761-7081-0

Feedback

Anregungen oder Kritik senden Sie bitte per:

> E-Mail an die Redaktion