99. Jahrgang Heft 5

Inhalt

Artikel

Junge Menschen vor Gericht
Fallstudien zum subjektiven Erleben von Verhandlungen durch das Jugendgericht

von Bernd Dollinger, Tobias Fröschle, Luzie Gilde und Jenna Vietig

Zusammenfassung
Hauptverhandlungen gegen Jugendliche und Heranwachsende können nachhaltigen Einfluss darauf ausüben, wie ein Urteil wahrgenommen wird und Rechtsfolgen erfahren werden. Allerdings ist kaum bekannt, wie die Angeklagten das Geschehen tatsächlich deuten. Vor diesem Hintergrund wird eine Studie geschildert, in der Jugendliche und Heranwachsende vor und nach ihrer Hauptverhandlung offen interviewt sowie während der Verhandlung teilnehmend beobachtet wurden. Aus diesen umfassenden Einzelstudien werden zwei Fallbeispiele näher geschildert. Es wird rekonstruiert, dass die Angeklagten ihre Verhandlungen als abstrakte, eigenlogische Inszenierungen verstehen. In ihrem Rahmen werden von ihnen nachhaltige Versuche unternommen, authentisch zu wirken, was sie – paradoxerweise – als Aufgabe strategischer Selbstdarstellung interpretieren. Die Befragten reflektieren dabei ihre ungünstige Ausgangslage und richten ihre Narrationen an ihr aus. Ansprüche daran, erzogen zu werden, werden zurückgewiesen, während die Betroffenen anerkennen, dass auf die eigenen Normverletzungen Strafen folgen.

Schlüsselwörter: Hauptverhandlung, subjektive Wahrnehmung, Jugendkriminalität, Narration

S. 325-341

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Wiederinhaftierung nach Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug

von Johann Endres, Maike M. Breuer und Katharina Nolte

Zusammenfassung
Anhand eines Datensatzes von 611 Entlassenen aus dem bayerischen Jugendstrafvollzug werden Rückfallanalysen durchgeführt. Dabei werden Daten zur Wiederinhaftierung aus der Vollzugsdatenbank heranzogen. Etwa ein Drittel der zur Bewährung und nach Vollverbüßung Entlassenen kam innerhalb eines Zeitraums von im Mittel knapp zwei Jahren wieder in Haft. Jüngere wurden deutlich häufiger erneut inhaftiert als ältere; Geschlecht und Migrationshintergrund hatten keinen Einfluss. Analysiert werden die Zusammenhänge mit biografischen Belastungsfaktoren und mit Aspekten des zu Haftbeginn festgestellten Behandlungsbedarfs. Die Ergebnisse bestätigen die prognostische Bedeutung vieler dieser Faktoren und stützen die Verwendung der Wiederinhaftierung als brauchbare Operationalisierung des Rückfalls. Geplante weiterführende Analysen zur Wirkung von vollzuglichen Maßnahmen werden skizziert.      

Schlüsselwörter: Jugendkriminalität, Rückfall, Risikofaktoren, Behandlungsbedarf

S. 342-362

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Stress und Bewältigungsstrategien im Polizeiberuf im Zusammenhang mit der Ermittlungstätigkeit bei Kinderpornographie
Eine qualitative Untersuchung

von Gunda Wößner und Julian Graf

Zusammenfassung
Obwohl zahlreiche Publikationen zur allgemeinen psychosozialen Belastung im Polizeiberuf vorliegen, haben sich bislang nur wenige Studien damit beschäftigt, wie sich die Tätigkeit im Rahmen von kinderpornographischen Ermittlungen auf die ermittelnden Polizeibeamtinnen und -beamten auswirkt. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie, inwiefern Polizeikräfte, deren Arbeitsalltag von dieser Art der Ermittlungstätigkeit geprägt ist, diese Tätigkeit als belastend erleben und welche besonderen Bewältigungsstrategien sie gegebenenfalls anwenden. Als methodischer Zugang wurde aufgrund des Mangels entsprechender Forschung eine qualitative Interviewstudie gewählt. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur die Inhalte des kinderpornographischen Materials, sondern vor allem auch Spezifika wie Datenmenge oder die Konfrontation mit allen möglichen Arten devianter Bild- und Videoinhalte belastend sein können. Die Bewältigungsstrategien lassen sich in Strategien während der Arbeit (u.a. bestimmte Betrachtungsstrategien) und solche nach der Arbeit (allen voran sportliche Betätigung) unterscheiden. Schließlich ließen sich wichtige organisationspsychologische Aspekte identifizieren, deren Implikationen aus Sicht der polizeilichen Führungskultur diskutiert werden.        

Schlüsselwörter: Polizei, Belastung, Kinderpornographie, Bewältigung, Organisation

S. 363-378

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 Kein Schutz vor Angriffen durch Body-Cams im Polizeieinsatz?

 von Jens Zander

Zusammenfassung
Mehr Schutz für die Polizei – das ist aktuell das zentrale Argument für die Einführung von Body-Cams in Deutschland. Das Problem ist: Die abschreckende Wirkung ist nicht nachgewiesen. Als Beleg dieser These werden in diesem Beitrag die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse einer eigenen Meta-Evaluation von 2015 sowie einer Meta-Analyse englischer Forscher von 2016 dargestellt.

Schlüsselwörter: Body-Cam, Polizei, Schutz, Abschreckung

S. 378-384

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BERICHTE

Wohnungseinbruchsforschung in Deutschland – Stand und Perspektiven
Bericht von einem Expertenworkshop

von Dirk Baier, Gina Rosa Wollinger und Arne Dreißigacker

S. 385-391

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Kriminologische Grundlagen des Strafrechts
Der 10. Russische Strafrechtskongress in Moskau

von Vladimir S. Komissarov, Olga V. Kostyleva und Olga Siegmunt

S. 392-397

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Kriminologie und Praxis
Bericht vom 13. MIVEA-Tag in der Universität Mainz

von Alexander Vollbach

S. 398-401

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Mitteilungen

Linking Teaching, Practice, and Research
The Academy of Criminal Justice Sciences (ACJS) 54th Annual Meeting, 21–25 March 2017 in Kansas City, Missouri

Resozialisierungsanspruch und Wiedereingliederungspraxis – Was hat die Föderalismusreform straffällig gewordenen Menschen gebracht?
Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e.V., 21. März 2017 in Bonn

The Promotion and Enforcement of Human Rights by International and Regional Organizations
The Association of Human Rights Institutes (AHRI) Conference 2017, 27–28 April 2017 in Leuven, Belgium

Breaking new grounds in Psychology and Law: Futuristic or imminent?
2017 Conference of the European Association of Psychology and Law, 28–31 May 2017 in Mechelen, Belgium

Addressing Filicide – Building Bridges of Knowledge to Intervention Models for Combating Filicide
3rd International Conference, 14–15 June 2017 in Prato, Tuscany

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Buchbesprechungen

Kunz, Franziska/Gertz, Hermann-Josef (Hrsg.)

Straffälligkeit älterer Menschen
Interdisziplinäre Beiträge aus Forschung und Praxis
Springer, Berlin, Heidelberg 2015, 199 Seiten

von Helmut Kury, Freiburg im Breisgau

S. 403-406

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van Kesteren, John

Criminal Victimization at Individual and International Level  

Results from the International Crime Victims Surveys
INTERVICT, International Victimology Institute Tilburg, Diss. Tilburg University, The Netherlands, 2015, 200 pages

von Irene Sagel-Grande, Groningen und Zutphen

S. 406-408

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Herausgeber

Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt, Marburg

Prof. Dr. iur. Stephan Quensel, Bremen

Schriftleitung:
Prof. Dr. iur. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Freiburg i. Br.

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Dipl.-Psych. Ulrike Auerbach

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht
Günterstalstr. 73
79100 Freiburg i.Br.

Telefon: +49 (0) 761-7081-0

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